18 – Kämpfe um jeden Atemzug

April 19, 2012

Guten Morgen🙂 heute ist kein guter Tag für mich. Ich atme sehr schwer und ich bin sehr müde, weil ich letzte Nacht wie immer nicht schlafen konnte.
Die Dame, die das Zimmer mit mir seit gestern teilt, ist weder nett noch sonderlich schlau. Sie fragte mich unendlich viele dumme Fragen. Zum Beispiel, ob das Licht mit dem Schalter angemacht werden kann, auf dem die Lampe abgebildet ist. “Nein, der ist da um die Klospülung zu betätigen.” Sie fragte mich ähnliche Dinge für ungefähr 20 Minuten. Dann entschied sie, mich über jedes Detail meiner Krankheit auszuquetschen, und stur zu ignorieren, dass ich eigentlich versuchte, einen Film zu schauen.
Ich bat sie mehrere Male, mich in Ruhe zu lassen, was sie jedoch nicht wirklich interessierte. Sie erzählte mir, dass sie wohl eine ganze Weile bleiben müsse. Auf meine Nachfrage hin meinte sie dann, sie müsse allen Ernsts zwei ganze Nächte in der Klinik verbringen. Ich fühlte mich etwas unwohl, als sie mich fragte, Wielange ich noch bleiben muss und ich ihr antwortete, dass ich wohl noch mindestens 6 Wochen im Krankenhaus liegen werde. Diese Aussage ließ sie verstummen, und ich konnte endlich meinen Film anschauen.
Später wollte sie schlafen, während ich immernoch Film schaute. Meine Infusionspumpe gab lautstark Alarm, weil die Infusion leer war. Ich wollte die Schwester rufen, damit sie die nächste Flasche anhängte, aber die Dame stand auf und machte sich an dem Gerät zu schaffen. Ich wies sie an, das sofort zu unterlassen, aber sie erklärte mir, sie schalte die Maschine nun aus, damit sie schlafen könne. Eine Schwester wäre unnötig. Sie kapierte nicht, dass ich eine weitere Infusion brauchte. Ich wurde sauer und fuhr sie an, sofort von meiner Infusion wegzugehen, und sie wurde sauer, weil ich die Schwester rief. Zornig verliess sie den Raum und ich schaute meinen Film weiter.
Nach einer Weile spürte ich mein Herz wild pochen und fühlte mich nervös. Es war wie in der vorherigen Nacht. Ich wusste nicht, warum ich dieses Gefühl hatte, aber ich fühlte mich bedroht. Luis war bei einem Geschäftsessen, ich konnte ihn also nicht erreichen. Das Gefühl ging nicht weg. Als die Zimmergenossin nach zwei Stunden zurück kam, roch ich Zigaretten, der ganze Raum stank nach Rauch. Das ist wirklich toll, wenn man sowieso schon Atembeschwerden hat.
Ich war immer noch nervös und ruhelos. Ich fühlte mich ängstlich und wusste nicht warum. Luis meldete sich noch immer nicht und in dieser nervösen, panischen, ängstlichen Stimmung machte ich ihm Vorwürfe, dafür dass er mir nicht antwortete.
Es gibt mir immer Kraft und Hoffnung wenn er bei mir im Krankenhaus ist und er ist der einzige, der mich beruhigen kann, wenn ich ängstlich, panisch und nervös bin. Es war soviel einfacher, als er mir mir hier war.

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Natürlich wurde er sauer darüber, und nachdem ich mich beruhigt hatte, hatte ich ein sehr schlechtes Gewissen. Ich entschuldigte mich, aber er antwortete nicht und ging ohne Gute Nacht zu sagen schlafen. Ich möchte mich immer vor dem zu Bett gehen vertragen
Ich habe Angst, dass ich irgendwann einmal sterben könnte, während wir noch Streit haben. Ich habe Angst, dass ich sterben könnte, und die letzten Worte, die wir wechselten waren aggressiv oder angreifend. Vielleicht ist es lächerlich, aber ich fühle mich sehr unwohl wenn wir uns eine Weile ignorieren oder wenn wir ohne einen Kuss oder eine liebe Nachricht schlafen gehen.
Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Ich dachte an Luis und daran, wie schlecht ich ihn behandelt hatte, obwohl er soviel für mich macht. Die andere Patientin schnarchte sehr laut. Ich hatte Schmerzen. Ich hatte viel Schleim in der Lunge. All diese Dinge hielten mich wach.
Am Morgen war meine Atmung wirklich schlecht. Ich frühstückte eine Orange und versuchte wieder zu schlafen. Meine Atmung wurde schlechter und schlechter. Meine Physiotherapeutin kam, und versuchte mir beim Abhusten zu helfen. Es klappte aber nicht. Ich weiss nicht, was los ist, ob ich mich erkältet habe oder ob es der Stress und der Streit mit Luis der Grund für die Verschlechterung ist. Aber ich fühle, wie es schwerer und schwerer wird zu Atmen.
Jeder, der in mein Zimmer kommt, sagt mir wie schlecht ich aussehe (Danke!). Meine Ärzte sind über all das ein bisschen nervös. Sie erklärten mir letzte Woche, dass meine Lungen sich verschlechtern werden, wenn ich nicht bald aufstehe.
Ich hasse das Gefühl von diesem hatten, zähen, ekligen Schleim in meiner Lunge. Egal wie stark ich huste, ich bekomme ihn nicht heraus. Ich fühle, wie er meine Lunge verklebt und verschließt. Jeder Atemzug macht ein rasselndes, keuchendes Geräusch. Wenn ich spreche färben sich meine Lippen bläulich, da der Sauerstoffgehalt im Blut sinkt.
Eine der Fragen, die mir geschickt wurden war, vor was ich Angst habe. Ich habe Angst zu ersticken. Das ist meine größte Angst. Ich habe keine Angst vor dem Sterben. Aber ich will nicht in meinem eigenen Schleim ertrinken. I hoffe immernoch, dass ich meine neue Lunge rechtzeitig bekomme,aber ich weiss, dass es auch so enden könnte, wie ich es gerade beschrieben habe.
An Tagen wie heute, wenn ich um jeden Atemzug kämpfen muss, denke ich noch mehr daran. Wenn ich den blutigen Schleim ausspucke, den ich endlich abgehustet habe. Wenn ich fühle, dass das aber nur ein winziger Teil von all dem Schleim in meinem Körper war, der versucht meine Lungen zu verkleben und mich umzubringen.
Alles ist so anstrengend, wenn du nicht atmen kannst. Mich umzuziehen raubt mir alle Kraft, selbst wenn ich besser atme als heute. Essen ist eines der Dinge, die wirklich hart für mich sind. An Tagen wie heute kostet reden mich sehr viel Kraft. Jeder Satz ist schwierig. Ich brauche immer nach wenigen Worten eine Pause.
Ich warte einfach nur in meinem Bett. Ich weiss nicht, worauf ich warte. Ich beobachte die Infusion, wie sie in meinen Venenkatheter am Hals läuft.

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Tropfen für Tropfen läuft sie ein, in jeder Minute des Tages, in jeder Minute der Nacht. Es ist schwer sich vorzustellen, dass diese kleinen Tropfen, die wie Wasser aussehen, mich am leben halten.
Tag für Tag tun sie ihren Job. Aber sie können mich nicht heilen. Sie halten mich nur am Leben. Während ich hier liege, und damit beschäftigt bin weiter zu atmen. Während ich hier liege und die Infusionstropfen beobachte und darauf hoffe, dass sie ihren Job noch ein paar Wochen erfüllen.

2 Responses to “18 – Kämpfe um jeden Atemzug”

  1. Maik Says:

    Ich hoffe das du bald deine neue Lunge bekommst und es dir bis dahin nicht ganz so schlecht geht. Drücke dir ganz doll die Daumen!

  2. Denise Says:

    Hey Daniela, eine Bekannte aus meinem Heimatkaff (Svenja) hat auf fb deinen Blog gepostet. Du schreibst wunderschön und ehrlich – ich hoffe die OP am Montag klappt und hilft dir! Halte irgendwie durch und verliere den Mut nicht. Ich hab als stinknormale Asthmatikerin leicht reden aber trotzdem: Hiermit beame ich dir von HH aus eine dicke Mütze Kraft, Geduld und Energie!!!


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