8 – Verträumt die Zeit mit mir…

April 9, 2012

Gestern wurden die Schmerzen schlimmer. Ich habe mich über den Besuch meiner Schwester sehr gefreut. Sie brachte mir ein paar Sachen von McDonald’s mit und hatte einen Kuchen für mich gebacken. Wir haben gegessen, uns unterhalten und gelacht, aber die Schmerzen waren so stark, dass ich sie nicht völlig verbergen konnte. Meine Schwester hat sich Sorgen gemacht. Ich hasse es, meiner Familie Sorgen zu bereiten😦
Sie hatte viele Hörbücher und Süßigkeiten für mich dabei.
Als sie wieder ging waren die Schmerzen schon kaum noch auszuhalten. Ich habe ein bisschen im Internet eingekauft um mich abzulenken und kleine Geschenke für meine Eltern, meine Brüder und meine Schwester besorgt. Ich möchte ihnen zeigen, wie viel sie mir bedeuten und ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Sonst bringe ich sie meist nur zum weinen.
Später bekam ich Infusionen mit Antibiotika. Am Morgen hatte man mir gesagt, dass sie mit den Antibiotika warten wollten, bis sie wüssten, welcher Keim die Infektion auslöst und welche Medizin am Besten dagegen hilft. Sie sagten, dass sie mir nur dann heute schon die Antibiotika geben würden, wenn die Bluttests sehr schlecht ausfallen sollten. Da sie es sich jetzt anders überlegt hatten und die Infusion mit dem Antibiotika schon lief, war mir klar, dass die Ergebnisse des Bluttests sehr schlecht gewesen sein mussten.
Mit jeder Stunde die verging wurden die Schmerzen schlimmer. Ich versuchte zu schlafen. Als ich wieder aufwachte, konnte ich meine Beine nicht mehr richtig bewegen. Ich konnte es auch nicht spüren wenn ich sie berührte. Alles was ich spürte waren schreckliche Schmerzen. Sie gaben mir Morphium, aber das half nicht wirklich.
Puls und Blutdruck waren immer noch schlecht, also entschieden sie sich, mich schlafen zu lassen. Den ganzen Morgen über wachte ich nicht richtig auf. Ich war wach aber nicht wirklich da. Die Schmerzen sind so schlimm, dass ich mich fast übergeben muss.
Vor ein paar Minuten waren Ärzte hier, Spezialisten. Sie sagten mir, dass sie heute noch mehr Tests mit mir machen wollen. Ich kann nichts tun außer im Bett zu liegen. Ich kann nicht lesen und keine Filme gucken weil ich mich nicht konzentrieren kann. Ich schlafe immer wieder ein aber nach ein paar Minuten wecken mich die Schmerzen jedes Mal wieder auf.
Ich versuche wie immer den Tag zu verträumen. Ich erinnerte mich an einen Tag im Sommer. Ich ging spazieren, roch das Gras, hörte das Zwitschern der Vögel und genoss die Sonne. Luis rief mich an und sang ein Liebeslied in den Hörer. Das war so süß das mein Herz einen kleinen Freudensprung machte. Ich werde diesen Moment nie vergessen…
Ich dachte an Momente in meinem Auto… Ich liebe es zu fahren. Ich sitze da und singe und hüpfe in meinem Sitz auf und ab und jeder der mich sieht, glaubt dass ich vollkommen verrückt bin. Ich liebe es einfach und spüre pures Glück dabei. Wenn ich mich traurig oder niedergeschlagen fühle ist mein Auto die beste Medizin für mich. Es hat große Lautsprecher und ich höre immer laute Musik. Mir ist gerade klar geworden dass ich nicht mehr werde fahren können wenn ich gelähmt bin… Am wahrscheinlichsten ist, dass ich das Krankenhaus nie mehr verlassen werde, sollte ich gelähmt sein, und selbst wenn, kann ich trotzdem nicht mehr Auto fahren. Das stimmt mich sehr traurig. Es ist schon verrückt. So viele Dinge in meinem Leben gehen gerade so furchtbar schief und ich fange wegen meinem Auto an zu weinen.
Ich träumte auch von meiner Kindheit. Einer meiner Freunde aus der Grundschule schrieb mir gestern. Jetzt fallen mir all die Sachen ein, die wir zusammen gemacht haben. Ich habe ihn immer zu Hause besucht und seine Mutter erlaubte es uns, jede Menge Eis zu essen. Er mochte die selben Bücher wie ich, also lasen wir oft gemeinsam. Er war sehr klug und wir haben es geliebt miteinander Quizzes zu lösen oder andere Spiele zu spielen, bei denen man seinen Kopf benutzen musste.
Ich dachte an die unterschiedlichsten Dinge. Ich erinnerte mich daran, wie ich mich ins Zimmer meiner Mutter geschlichen habe und ihr Kekse stahl. Ich war ganz verrückt nach Keksen und allen anderen Süßigkeiten, deswegen musste meine Mutter sie immer vor mir verstecken. Doch nach ein paar Tagen fand ich das Versteck jedes Mal aufs Neue.
Es ist schon verrückt welche Erinnerungen man behält. Es sind die kleinen Dinge, die man nie vergisst. Genau das sind jetzt auch die Dinge die ich am meisten liebe. Im Moment benutze ich all diese Erinnerungen um mich selbst am Leben zu erhalten. Ich kann hier nichts tun, aber die Erinnerungen zeigen mir dennoch wie großartig das Leben ist. Selbst wenn ich nichts mehr von alldem fühle. Ich spüre nicht mehr wie die Sonne auf mich scheint. Ich spüre die frische Morgenluft im Freien nicht mehr. Ich spüre das Gras an meinen nackten Füßen nicht mehr. Ich spüre das Glück nicht mehr das ich hatte, wenn ich draußen mit Luis Hand in Hand umher lief. Ich fühle mich nicht mehr so beschützt wie als Kind, wenn ich in den Armen meines Vaters schlief. Ich kann mich meinen Freunden nicht mehr anschließen wenn sie weggehen. Früher haben wir so viel miteinander geredet und gelacht. Ich kann keine heißen Bäder mehr nehmen, mich wie früher im Wasser mit Kerzen und schöner Musik entspannen
Ich vermisse es, ein Kind zu sein. Wenn man fiel und weinend nach Hause lief, weil da ein winziger Tropfen Blut am Knie war, kümmerte sich jeder gleich um einen und mit dem bisschen Aufmerksamkeit vertrieben sie die Schmerzen. Wenn ich Albträume hatte war jemand da, der mir beim Schlafen zusah.
Wenn ich zum Arzt musste war jemand da und hielt meine Hand. Wenn ich mich schrecklich fühlte war jemand da, in dessen Armen ich schlafen durfte. Ich vermisse es beschützt zu werden. Ich vermisse es umarmt zu werden.
Mir ist bewusst dass ich jederzeit aufhören kann zu kämpfen, wenn ich es so will. Aber auch wenn ich mich jetzt schrecklich fühle und die Schmerzen so grauenhaft sind gebe ich nicht auf. Ich will immer noch leben. Ich will immer noch darauf warten dass Luis herkommt und hoffe er wird einen Weg finden zu bleiben. Ich will noch so viel Spaß mit meinen Brüdern haben. Ich will mit meinem Vater in den Urlaub fahren. Ich will noch mit meiner Schwester in ein Wellness-Hotel. Ich werde nicht aufgeben. Auch wenn mein Leben durch die Schmerzen gerade schrecklich ist.
Ich werde später mehr schreiben wenn die Tests vorbei sind… Schreiben ist sehr hart und anstrengend für mich… Fürs Erste will ich noch ein bisschen die Zeit verträumen.
Verfolgt meinen Twitter-Account für das nächste Update: @kruemelfrost

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