5 – Ich brauche ein Hobby

April 7, 2012

Gestern kam ich dann mit dem Hubschrauber in die Uniklinik. Ich konnte von der Trage aus ein kleines bisschen nach draußen schauen und wäre es mir besser gegangen wäre es bestimmt eine tolle Erfahrung gewesen.
In der Klinik kam ich auf meine gewohnte Station, kannte also bereits alle Schwestern und Ärzte. Ich war völlig High von den starken Medikamenten und lag den ganzen Mittag einfach nur halb schlafend halb wach im Bett.
Später wurde ein MRT der gesamten Wirbelsäule vom Hals bis zum Hintern gemacht. Man wird dazu in eine sehr enge Röhre geschoben in der es sehr laut ist. Mit Hilfe von Magneten kann man die Knochen sehen, jedoch ohne gefährliche Röntgenstrahlen.
Nach der Untersuchung besuchte mich noch mein Lieblingsarzt und wir gingen davon aus, dass es mir bald besser gehen wird. Ich wagte sogar zu hoffen dass ich vielleicht bald nach Hause könnte. Optimistisch dass alles gut werden wird hörte ich bis morgens um 4 ein Hörbuch weil ich mal wieder vor Schmerzen nicht schlafen konnte. Ich hatte die Schmerzmittel am Abend verweigert weil ich nicht mehr zugedröhnt sein wollte.
Heute morgen erschien die Ärztin zum Gespräch und erklärte mir, man hätte gesehen, dass die Wirbelsäule entzündet sei, dass eine solche Entzündung den Knochen Schwächen würde und man bereits auf den Bildern eine Veränderung des Knochens sehen würde. Ich erschrak erstmal ziemlich. Mir wurde erklärt, dass man mit einer langen Nadel eine kleine Probe direkt aus dem Knochen entnehmen wird, um zu sehen welcher Keim die Entzündung verursacht und wie man ihn behandeln kann. Diese und andere Tests sollen am Dienstag passieren, da ja nun Ostern ist. Eine zweite Ärztin kam. Mir wurde gesagt dass ich mich nicht mehr bewegen dürfe. Die meisten meiner tausend Fragen blieben unbeantwortet doch sie sagten mir, dass das Schlimmste was passieren könne sei, dass ich mein Leben im Rollstuhl verbringen müsse. Worauf ich noch mehr erschrak. Auch die Aussicht auf weitere lange Wochen Bettruhe frustrierten mich. Des weiteren kam hinzu dass uns allen klar war, dass ich keine neue Lunge bekommen kann, solang die Wirbelsäule in keinem besseren Zustand ist. Auch wurde ich darauf vorbereitet, dass die Schmerzen sehr lange mein Begleiter sein werden.
Ich weiß den Tag als sie anfingen noch ganz genau. Es war der 11. Januar. Zwei Tage vor meinem Geburtstag. Luis war gerade in Deutschland. Ich wünschte, die Schmerzen wären nicht genau dann aufgetreten. Ich hätte so gerne meine Zeit mit ihm genossen. Oft denke ich darüber nach, was wir wohl alles unternommen hätten, wenn ich nicht ab da im Krankenhaus gelegen hätte.
Als mir gesagt wurde, dass ich neue Wirbelfrakturen hatte, war ich mehr verärgert als verwundert. Ich hatte mir bereits mehr als 10 mal einen Wirbel gebrochen. Das Kortison verursacht stärken Knochenschwund und so brachen die Wirbel ohne dass ich einen Unfall hatte. Meistens bemerkte ich es zunächst garnicht. Die Schmerzen wurden schlimmer und nach einiger Zeit wusste ich, dass es kein normaler Rückenschmerz war. Als die Schmerzen nach 3 Monaten noch immer da waren, hatte ich im Gefühl dass es vielleicht doch nicht “nur” ein Bruch war. Doch wie immer ignorierte ich mein ungutes Gefühl und versuchte, wieder auf die Beine zu kommen.
Und jetzt bin ich hier. Heute habe ich erst einmal im Internet Frust- Shopping betrieben und mir Hörbücher und Filme bestellt, um mich für ein paar weitere Tage und Wochen Bettruhe zu wappnen.
Essen konnte ich wieder nicht. Es fällt mit sehr schwer mit Schmerzen zu essen, und die neue Diagnose hat mich auch nicht gerade geholfen. Nach und nach wird mir immer mehr klar, was die Ärzte da zu mir gesagt haben- selbst eine vollständige Heilung des Knochens heißt nicht, dass er stabil genug für eine Lungentransplantation ist. Die Wahrscheinlichkeit für die Lunge sinkt. Gegen Abend hatte ich das alles dann verarbeitet und war wieder optimistisch. Mir war klar, dass ich das alles schaffen werde. Mein Kampfgeist ist wieder da, und zwar stärker als zuvor. Ich will mein Leben genießen, jeden kleinen Moment. Also habe ich die Schwestern gebetenen mein Bett ans Fenster zu schieben und habe die Abendsonne im Gesicht genossen. Ich habe mit meinen Freunden gechattet. Die sind alle so wunderbar. Ich habe so ein tolles Team hinter mir und darauf bin ich stolz. Mir ist bewusst, wieviele tolle Aspekte mein Leben hat. Meine Gesundheit ist nur ein Teil von mir. Auch wenn dieser Teil nicht gut ist, ist mein Leben trotzdem wunderbar. Man muss die kleinen Dinge schätzen. Ich weiß, dass mein Leben es Wert ist dafür zu kämpfen.
Nach wie vor vermisse ich Luis sehr aber er hat mich heute so unglaublich unterstützt dass ich mich soviel besser gefühlt habe. Er hält trotz allem zu mir. Die meisten Männer wären wahrscheinlich schon lange abgehauen. Und als wir uns unterhalten haben, wurde mir klar, dass ich auch durch die Hölle gehen würde um mir meine Zukunftsträume zu erfüllen. Ich möchte eine neue Lunge. Und dann möchte ich mit Luis nach Miami. Dafür kann man ja wohl ein paar Monate Schmerzen aushalten.
Ich wünschte, er könnte die schwierige Zeit jetzt mit mir hier verbringen, aber leider ist das nicht möglich. Alleine fühle ich mich gerade trotzdem nicht.
Am Sonntag kommt mich meine Schwester besuchen und am Montag meine Mutter. Da freue ich mich auch schon drauf🙂
Ich möchte mich bei allen für ihre Unterstützung bedanken. Ich habe Soviele liebe Nachrichten bei Twitter und Kommentare hier im Blog bekommen… Ich habe mich riesig gefreut!
Im Moment überlege ich mir, was ich als Hobby hier im Bett machen könnte. Immer DVD schauen ist auch blöd. Ich liebe Seidenmalerei aber ich kann mit der Wirbelsäule nicht sitzen. So richtig eingefallen ist mir noch nichts. Aber falls doch werde ich darüber berichten🙂 ich habe Angst dass mir ansonsten wirklich die Decke auf den Kopf fällt. Heute morgen habe ich geweint als ich wusste, dass ich weitere Wochen im Bett bleiben muss. Ich fühle mich so eingesperrt. Ich bin normal immer mit Freunden zusammen und habe immer Beschäftigungen. Ich fühle mich nicht nur gelangweilt sondern wirklich wie im Gefängnis. Ich hoffe mir fällt bald etwas ein, was ich mit meiner Zeit hier anfangen werde.

One Response to “5 – Ich brauche ein Hobby”

  1. A Will Helm Says:

    Hobby-Vorschläge:

    – werde Sudoku-Weltmeister
    – erfinde neue Kreuzworträtsel
    – lerne Rückwärts-Sprechen
    – knack die Tetris-Weltrangliste
    – eröffne ein eigenes Geschäft und überwache die Überwachungs-kameras deiner Kunden online live

    Mehr fällt mir jetzt grad nicht ein, aber das geht alles vom Bett aus – mit minimalem Bewegungsaufwand : )

    Liebe Grüße, A.


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